Willkommen in der Zukunft

Seit ich denken kann bin ich fasziniert von der Computertechnik und deren Geschichte und frage mich, wohin wird uns diese Technik in den nächsten Jahrzehnten führen. Für mein Buch „Computergeschichte(n) – Nicht nur für Nerds“ (erschienen beim Rheinwerk Verlag) habe ich im letzten Kapitel auch einen kurzen Abschnitt über die Zukunft aus meiner Sicht geschrieben. Hier nun meine Version von 2054.

2. Dezember 2054

Ich träume gerade von alten Zeiten, als ich noch jung war und um die Welt gereist bin, und von den vielen lieben Menschen, die ich kennenlernen durfte. In dem Moment weckt mich Alan, mein personalisierter Sprachassistent, mit seiner sanften Stimme auf: »Aufstehen, Jürgen!« Ich bin immer noch schlaftrunken und frage ihn: »Was steht heute an, Alan?« »Heute kommen deine Enkelkinder Steve und Bill zu Besuch«, antwortet er mir. »Okay, dann ist es Zeit, ein paar Dinge zu erledigen!«, murmele ich vor mich hin. »Alan, gib dem Kühlschrank Bescheid, dass wir die nächsten zwei Tage drei Personen hier sind, damit er die nötigen Lebensmittel bestellen kann!«, weise ich Alan an. »Okay, ist erledigt. Sonst noch was?«, fragt mich Alan. »Ja, gib dem Herd die Kochanleitung für Algen-Pizza«, weise ich ihn an. »Mit Weizenmehl oder Insekten-Mehl?«, fragt Alan. »Insekten-Mehl natürlich! Wir wollen ja die Ressourcen schonen«, erwidere ich Alan.

In Ländern Asiens oder Afrikas sind Insekten fester Bestandteil der Ernährung. Doch in Europa stellen sie bisher eher ein Nischenprodukt dar. Vor allem in unverarbeiteter Form – beispielsweise als Snack – stoßen sie noch weitgehend auf Ablehnung. Sind die Insekten im Produkt jedoch nicht mehr erkennbar, steigt die Akzeptanz. Das haben erste Studien gezeigt. Karlsruher Forscher arbeiten deshalb an der Herstellung von Insektenpulver. Die Basis sind die Larven des Mehlkäfers (Tenebrio molitor). Diese „Mehlwürmer“ haben einen hohen Proteingehalt. Die Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) können sich vorstellen, dass Mehlwurm-Pulver dem Weizenmehl beigemischt wird. Das daraus gebackene Brot wäre dann ein proteinreiches Grundnahrungsmittel.

Brot aus Insektenmehl? – Eiweißquelle der Zukunft | PTAheute
von Ulrike Weber-Fina (10.06.2020)

»Alan, sag doch dem Bett, es soll die Lehne hochfahren, damit ich einfacher aufstehen kann«, sage ich. Nachdem ich mich aufrecht hingesetzt habe und dann aufgestanden bin, begebe ich mich auf den Weg ins Bad. Mein Saugroboter rollt an mir vorbei und ist auf dem Weg zum Schlafzimmer, um dort seine Arbeit zu verrichten. Im Bad angekommen, geht das Licht automatisch an. Das Licht passt sich meiner Stimmung und der Tageszeit an. Um wach zu werden, hat es morgens immer einen höheren Blauanteil. Ich nehme Platz für mein morgendliches Geschäft, und vor mir werden die neuesten Nachrichten, Trends und das Wetter an die Wand gebeamt. »Justin Bieber ist der neue Präsident von Amerika«, wird da angezeigt.

Danach gehe ich zum Ganzkörperspiegel, da ich einen Termin mit Dr. Balmer für meine wöchentliche Visite habe. Dr. Balmer ist ein hochentwickelter Chatbot, der für meine digitale Betreuung verantwortlich ist. »Guten Morgen, Jürgen! Wie geht es Ihnen heute?«, sagt Dr. Balmer. »Alles prima. Hier und da zwickt es mal, aber mit 79 Jahren kann ich mich nicht beklagen«, antworte ich ihm. »Ich führe einen Ganzkörperscan durch, um Ihre Körpermaße und den Fettanteil zu messen«, meldet Dr. Balmer. »Sie ist schon praktisch, diese 24-Stunden-Telemedizin heutzutage«, geht mir durch den Kopf. »Die Ergebnisse sind gut! Ihr Körperfettanteil ist gleichgeblieben und die Muskelmasse auch«, meldet sich Dr. Balmer nach einer Weile. Da hat sich ja mein Cybertraining zusammen mit dem Designer Food mit gesundheitsfördernden Wirkungen bezahlt gemacht. Dank meiner persönlichen Gesundheitsdaten erhalte ich einen für mich passenden Trainingsplan und abgestimmte Menüs. »Wollen Sie noch einen menschlichen Arzt zu Rate ziehen?«, fragt mich Dr. Balmer routinemäßig am Ende. Ich verneine das und verabschiede mich von ihm.

Functional Food, also funktionelle Lebensmittel, enthalten Zutaten, die unsere Gesundheit besonders positiv beeinflussen und gleichzeitig Krankheitsrisiken reduzieren sollen. Zusätzlich zu ihrem eigenen Nährwert wird durch Zusätze in Lebensmitteln noch ein gesundheitlicher Nutzen erreicht.

Functional Food: Wirkung sowie Vor- & Nachteile | ottonova
von Marie-Theres Rüttiger (4. Januar 2020)

Mein Sohn Jonathan ruft mich an. Ich setze meine Augmented-Reality-Brille Hololens V von Microsoft auf. Wir haben uns via Skype verabredet. Sofort wird mir sein Sichtfeld durch die Datenbrille angezeigt. Ich kann seine beiden Kinder Steve und Bill sehen. »Bist du bereit heute für deine beiden Enkelkinder, Papa?«, fragt er mich. »Na klar, ich freue mich schon darauf«, antworte ich ihm. Die beiden stehen bereit mit ihren Taschen, und Steve winkt mir zu. »Opa, heute ist Retroabend! Hol deine alten Spielekonsolen raus«, sagt er. »Ja, das wird ein Spaß! Ich habe für uns ein paar besondere Spiele herausgesucht«, antworte ich ihm. Bill, der ältere der beiden, ist wie immer mit seiner Datenbrille beschäftigt. Na ja, die Jugend heute eben. Wir waren damals mit unseren Smartphones nicht viel besser.

Nachdem wir das Gespräch beendet haben, piepst es in der Küche. Mein Kaffee ist fertig. Ich hole ihn mir und setze mich zusammen mit einem für mich angepassten Proteinriegel mit pharmazeutischen und gesundheitsfördernden Wirkungen auf die Terrasse. Der Blick aus dem 21. Stock meines Apartments ist grandios. Morgens um diese Uhrzeit sind noch viele Drohnen unterwegs. Amazon liefert die ersten Pakete, und Supermarktketten liefern die Bestellungen. Auf der Straße unten sieht man, wie das Leben allmählich beginnt. Es ist nicht mehr so laut wie früher, seit die autonomen E-Autos fast lautlos geworden sind. Dank superschneller Quantencomputer kann jetzt auch der Verkehr in Echtzeit berechnet werden, und jedem Fahrzeug wird eine eigene Route zugewiesen. Verkehrsstaus sind somit ausgeschlossen.

Das eigentliche Ziel der Forscher ist es aber natürlich, eine Rechenmaschine zu bauen, die bei ganz realen Problemen hilft. Eine, die „eine Revolution auslösen“ könnte, wie Cern-Forscher Carminati sagt. Sie würde nicht nur ihm helfen, die Datenberge des Cern zu verarbeiten. Die Maschine könnte auch den Verkehr in Großstädten in Echtzeit berechnen – und dabei jedem einzelnen Fahrzeug eine eigene Route zuweisen. 

Quantencomputer – Der große Traum vom Superhirn – Digital – SZ.de (sueddeutsche.de)
Von Helmut Martin-Jung, Rüschlikon (25. Januar 2020)

Die Wohnräume sind allerdings weniger geworden. Da der Klimawandel schneller gekommen ist als erwartet, hat die Menschheit zusammenrücken müssen. Viele Bereiche der Erde sind aufgrund der Dürre und Trockenheit nicht mehr bewohnbar. Andere Bereiche wiederum sind überschwemmt, weil die Polkappen ebenfalls früher als erwartet geschmolzen sind. Aber dank der Urbanisierung und der bedarfsoptimierten Hochhäuser funktioniert das Zusammenleben der Menschheit jetzt ganz gut. Ein wenig erinnert es mich an die Zeit, als ich noch jung war und ein paar Mal in Hongkong gewesen bin. Dort war der Platz zum Leben auch immer knapp. Dank dem 5G und dem Nachfolger 6G klappt es auch mit dem »Internet der Dinge« bestens.

Immerhin haben die Schwarzseher unrecht behalten, die Maschinen haben die Welt noch nicht übernommen. Ganz im Gegenteil. Sie haben uns das Leben vereinfacht. Dank intelligenter Algorithmen sind wir alle gesünder geworden. Auch im Alltag sind uns die Maschinen eine große Hilfe. Ich als Senior kann endlich länger ein eigenständiges Leben führen und muss nicht den Rest meiner Tage in einem Altersheim verbringen. Ganz klar, die Maschinen sind immer präsent, bestimmen unser Leben und unseren Alltag, aber dadurch ist unsere Welt strukturierter und besser geworden. Dank Grundeinkommen und Grundrente hat auch die Abneigung gegenüber Industrie 4.0 abgenommen und die Sorge, dass Maschinen die Menschen ersetzen werden. Das ist zwar teilweise passiert, aber auf der anderen Seite sind auch wieder viele andere neue Berufe entstanden.

Dank Grundeinkommen und Grundrente hat auch die Abneigung gegenüber Industrie 4.0 abgenommen und die Sorge, dass Maschinen die Menschen ersetzen werden.

Natürlich gibt es die Cyborgs als Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Keiner von denen ist aber wie der zerstörende Terminator geworden. Ganz im Gegenteil. Menschen, die ihre Gliedmaßen verloren haben, können mit künstlichen Bauteilen wieder voll aktiv am Leben teilnehmen. Auch blinde oder taube Menschen profitieren davon und können teilweise wieder sehen oder hören. Aber die Cyborgs gab es eigentlich schon damals, als man Menschen technische Implantate wie Herzschrittmacher einsetzte.

Auch die Sicherheitstechnologie hat sich verbessert. Dank E-Tattoo können wir die Wohnung aufsperren, das Auto verschließen und Ware bezahlen. Auch um die Welt reisen könnte man damit, denn der in das Tattoo integrierte Chip funktioniert auch als Datenspeicher, mit dem wir uns eindeutig zusammen mit unserer DNA identifizieren können. Auch wenn man den Chip hacken und kopieren könnte, unsere DNA ist eindeutig, und ein Betrug ist damit fast ausgeschlossen.

Das Internet der Version 3.0 erfordert jetzt für soziale Netzwerke eine eindeutige Identifizierung, um Extremismus, Hass, Rassismus, Lobbyismus und Fake News weitgehend einzudämmen. Zwar bleiben die einzelnen Benutzer dank hochwertiger Kryptografie und digitaler Signaturen untereinander anonym, aber es ist nun möglich, dass das W3C und andere Gremien die Personen eindeutig identifizieren und bei mehrfacher Verletzung des Rechts vom Internet aussperren. Auf der Gegenseite haben die sozialen Medien jetzt die Pflicht, die Beiträge von Regierungen, Parteien oder regierungsabhängigen Nachrichtenmagazinen eindeutig als solche zu kennzeichnen. Dazwischen kontrollieren das W3C und weitere unabhängige Gremien, dass alles ordentlich und sauber abläuft.

Das Wechselspiel zwischen Technologie, Gesellschaft und Politik wird meiner Ansicht nach höchst spannend und eine breite Diskussion dringend notwendig werden. Ich denke, wir werden bald wichtige, grundlegende Weichen bezüglich Verfügbarkeit und Schutz der Daten – und auch der Menschen – zu stellen haben.

Das Web 3.0 | MASSIVE ART
von Stefan Rottensteiner (9.August 2018)

Das Reisen geschieht heute vorwiegend virtuell mit der Datenbrille Hololens von Microsoft. Auch verschiedene Arbeiten werden über diese Brille in einem rein virtuellen Büro erledigt. Bei Jobs, an die man Hand anlegen muss, hat man ein überdimensioniertes Schaltpult vor sich, mit dem man die eigentliche Maschine bedient, die irgendwo auf der Welt stehen kann und über ein Netzwerk verbunden ist. Neben der direkten Steuerung über das Schaltpult gibt es auch Gestensteuerungen.

Die Erdbevölkerung hat sich über die Jahre deutlich reduziert. Zunächst waren es viele unterschiedliche Viren, die über ein ganzes Jahrzehnt die Bevölkerungszahl deutlich reduziert haben. Dank immer besserer Quantencomputer ist es aber möglich geworden, recht schnell und günstig ein Heilmittel gegen diese Viren herzustellen. Aber auch die Art, wie Menschen lieben, hat sich geändert. Hat man sich früher noch in Bars und auf Partys kennengelernt, so erlebte man nach der Polygamie mit Internet 2.0 einen Aufschwung der »Sologamie« mit Internet 3.0. Die Liebe findet heute vorwiegend virtuell über Datenbrillen statt. Kaum einer heiratet noch, und man sucht sich nur noch einen Partner für einen bestimmten Lebensabschnitt. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hatte damals recht mit seinem Liquid-Love-Szenario. Immer bessere Algorithmen sorgen dafür, dass dies auch funktioniert. Auch gibt es keine Prostituierten mehr, und Sexroboter übernehmen deren Arbeit. Manch einer hat sich dann auch in einen solchen Roboter verliebt und ihn geheiratet.

In der Tat, es wird Menschen geben, die vereinsamt sind und deshalb Liebes-Roboter brauchen. In Japan findet man heute schon eine ganze Kultur, in der sich die Menschen voneinander abwenden und elektronischen Liebes-Simulationen zuwenden.

Matthias Horx über Szenarien: Trendforscher: So lieben wir in der Zukunft (noz.de)
von Elke Schröder (23.06.2017)

2. Dezember 2020

Ich hoffe, Sie nehmen mein persönliches Zukunftsszenario nicht allzu ernst. Es ist nur meine Vision, wie ich mir die Zukunft vorstelle. Wie es dann wirklich kommt, vermag niemand zu sagen in einer so schnelllebigen und zum Teil instabilen Welt wie heute. Ich werde also 2054 prüfen, inwieweit meine Visionen Wirklichkeit geworden sind. Sofern ich es bis dahin schaffe.

Noch mehr Computergeschichte(n) finden Sie in meinem Buch „Computergeschichte(n) – Nicht nur für Nerds“ welches beim Rheinwerk Verlag erschienen ist.

Titelbild: JMortonPhoto.com & OtoGodfrey.comTeamTimeCar.com-BTTF DeLorean Time Machine-OtoGodfrey.com-JMortonPhoto.com-07CC BY-SA 4.0

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